Sieben Tipps für Gerechte Mündliche Noten

Mündliche Noten... Die wenigsten Lehrer sind wirklich glücklich mit ihrer Benotungsmethode für die Beteiligung. Ich habe mich wirklich sehr über eine offene Email einer Kollegin aus einem meiner letzten Seminare zu diesem Thema gefreut. Hier findest du meinen Versuch einer Antwort mit sieben Tipps für bessere Mitarbeitsnoten, Linktipps und zwei Downloads, die dir dabei helfen könnten.

 

Hier ist Susannes Email (Name geändert):

 

Hallo Charlotte,


Was genau zensierst du? Nur die abschließenden kleinen Teste?

Was ist mit der Mitarbeit davor?

Ich selber zensierte bisher nie das "Mündliche" (da bin bin ich wohl einsam auf weitem Felde) Ich denke, das wäre faktisch die Zensierung des Charakters eines Kindes...lieber schaue ich mir Präsentationen genauer an.

Danke für deine Hilfe!

LG

 

Susanne

Ich finde mündliche Noten auch problematisch, da sie so wenig handhabbar erscheinen und so subjektiv wirken. Und dann denke ich an Schüler, die toll mitmachen und eine Bereicherung für jede Klasse sind, aber schriftlich nur Fehler produzieren. Ihnen möchte ich auch gerecht werden. Was also tun?


Früher habe ich halt aus dem Bauch heraus ab und an nach der Stunde Noten gegeben und dann am Ende des Halbjahres daraus eine Note gebildet. Das war nicht gerade professionell, ist mir auch klar. Außerdem war ich weit davon entfernt, das regelmäßig zu tun, was zu peinlich subjektiven Noten am Ende des Halbjahres führte. Hier meine bescheidenen Tipps, was mir das Leben bei mündlichen Noten leichter gemacht hat:

 

1. Lasse die Schüler sich selbst einschätzen

Mündliche Noten habe ich am Anfang einfach geschätzt (bitte nicht lachen, wir waren alle mal Anfänger). Um zu überprüfen, wie weit ich von den Schülereinschätzungen entfernt war, habe ich schnell auch Selbsteinschätzungen eingeführt. Aber die wirklich nur um zu gucken, ob ich insgesamt richtig lag (ja, fast immer deckten sich die Noten oder wichen um maximal eine Note ab). Ich habe also nie Noten daraufhin geändert.


Ich habe allerdings, wenn die Einschätzungen stark abwichen, versprochen bei diesem Schüler genauer hinzusehen. Und ich habe meine Note ausführlicher erläutert. Notendiskussionen wurden dadurch um ca. 80% reduziert...


2. Habe Kriterien im Kopf (oder auf Papier)

Das Gute war, dass ich mir für die Selbstreflektion der Schüler Kriterien überlegen musste (und seien es manchmal auch nur "Qualität, Quantität, Störungen und Hausaufgaben"). Dadurch wurden auch meine Noten gerechter, da sie sich auf mehr Faktoren stützten.


Bei den English-Only Phasen wissen meine Schüler jetzt sehr genau, was meine Kriterien sind. Hier kannst du dir auch selbst das Poster mit meinen Kriterien für diese Phasen herunterladen, das bei mir in den Klassen aushängt. Aufmerksam auf den Lehrer gucken ist auch ein Kriterium...


Hier auch ein Artikel von der Seite "Lehrerfreund" mit Kriterien für die mündliche Mitarbeit im normalen Unterricht.


3. Mache dir die Arbeit mit Mini-Tests leichter

Letzte Woche habe ich euch die Zehnertests als schnelle Methode vorgestellt, Mitarbeitsnoten für eine Doppelstunde zu machen. In meinem vorangegangenen Blogartikel kannst du dir auch meinen Vordruck für die Testblätter herunterladen. Hole sie dir, lege sie auf den Kopierer, schneide sie durch und lege einen Stapel bei dir in die Klasse. Dann bist du jederzeit gewappnet.


4. Sprich dich mit deinem Fachbereich ab

Muss ja nicht jeder das Rad neu erfinden. Auch wenn's bei dem Thema reichlich Diskussionsstoff gibt, bei einem netten Kollegium könnte man sich doch mal zusammensetzen und teilen, was jeder für gute Ideen hat. Z.B. könnte man Kriterienraster entwerfen, für alle kopieren und optional zur Verwendung freigeben.


5. Vertraue deiner Intuition und setze auf Masse statt Klasse

Da es vermessen klingt, wenn ich sage, dass ich meiner Intuition inzwischen mehr vertraue, hier ein toller Artikel von einer renommierten Lehrerseite. Der Tenor: Intuition ist besser als man denkt, und je mehr Noten man macht, desto gerechter werden sie.


6. Überlege ob Apps dir das Leben leichter machen könnten

Damit man möglichst viele Noten zusammen bekommt, sollte das Benoten möglichst schnell von der Hand gehen, weshalb ich in eine App investiert habe. Keine Werbung (ich wünschte ich würde dafür bezahlt), aber ich bin mit "Tapucate (früher Androclass)" sehr zufrieden [Update: Inzwischen bin ich auf das teurere aber intuitivere und bessere TeacherStudio umgestiegen]. Auch für das IPhone gibt es entsprechende Apps.

Original: https://www.flickr.com/photos/wilhei/109403969/in/
Original: https://www.flickr.com/photos/wilhei/109403969/in/

Das Komfortable für mich ist die "schnelles Benoten"-Funktion, mit der ein Schüler nach dem anderen aufpoppt und ich nur die Noten antippen muss. Das dauert nur ein paar Sekunden pro Klasse. [Bei TeacherStudio gibt es das leider nicht, da sind es zwei Mal Antippen pro Schüler. Trotzdem ok.] Mache ich das daher jetzt nach jeder Stunde? Macht ihr WITZE? Schön wär's. Aber viel, viel öfter als vorher.

 

Allerdings braucht es schon die Bereitwilligkeit, sich in die umfangreiche Anleitung reinzufuchsen. Aber wenn man es einmal raushat, ist es eine echte Zeitersparnis. Vielleicht aber eher für begeisterte Smartphone- oder Tabletnutzer.

 

7. Bleib flexibel

Ich behalte mir vor, Schüler individuell zu behandeln und das sollte jeder Lehrer. Wir wollen ein menschliches System bleiben. Lange Krankheit eines Schülers, ein stiller aber strebsamer Charakter, etc. können schon mal zur Verbesserung einer Note beitragen. Dies gilt umso mehr, desto jünger die Schüler sind. Ich finde auch, dass man manchmal wenige, aber brillante Beiträge ruhig besser benoten kann, als breitgestreute gute Beteiligung. Ich kann mich nicht erinnern, auch mal einen Schüler „runtergezogen“ zu haben, aber es mag bei besonderen Gründen vielleicht vorgekommen sein.

 

Wie sieht es mit dir aus? Welche der Vorschläge machst du schon? Welche willst du ausprobieren? Und du habt bestimmt noch viele weitere. Schreibe doch einfach einen Kommentar.


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Kommentare: 3
  • #1

    Imke (Mittwoch, 31 August 2016 15:05)

    Hallo Charlotte,
    ich war an vielen Schulen in Neuseeland. Niemand bewertet dort in "mündlich oder schriftlich". Dein Punkt 7 deutet es an...gerade stille, schüchterne Schüler werden durch mündliche Noten "doppelt" bestraft. Sie wissen, dass sie schüchtern sind und - (und besonders im Sprachunterricht somit eine doppelte sprachliche Hürde haben) und werden von uns auch noch schlecht zensiert - nur weil sie sich aus Angst nicht melden. Wir zensieren also ihren Charakter und nicht ihr Wissen.
    Ich schlage vor, es einfach wegzulassen und nutze deine chorischen Ideen bei TPRS. Dadurch sprechen alle viel mehr und Hemmungen werden abgebaut. DIe Schüler müssen es ja nicht wissen, dass du sie mündlich gar nicht bewertest. Auch wenn du es ihnen sagst, melden sie sich (nach meinen Erfahrungen) viel mehr, da sie nicht so unter Druck stehen. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, Zensuren zu geben als "frontal" Fragen zu stellen und auf Meldungen zu warten... (ich überspitz das jetzt mal , ich weiß, das du super Unterricht machst!!!!)
    Ich sage persönlich nie mehr "mündlich/schriftlich" sondern Mitarbeit und schriftliche Tests/HA. Das fällt fast allen Lehrern, die ich kenne sehr schwer.. da alle es selber so erfahren haben damals..
    Liebe Grüße und ich freue mich immer auf deine Beiträge!

  • #2

    Charlotte (Mittwoch, 31 August 2016 15:55)

    Hallo Imke,

    vielen Dank für deinen tollen Kommentar, ich war ganz gerührt und inspiriert. Ich stimme dir voll zu. Es heißt eigentlich auch "Laufende Unterrichtsarbeit" und "Arbeit unter Aufsicht" und nicht "mündlich/schriftlich", also haben wir definitiv diesen Spielraum!
    Ich möchte das definitiv noch stärker nutzen.
    Liebe Grüße,

    Charlotte

  • #3

    Danny Wernicke (Samstag, 10 Dezember 2016 16:55)

    Hallo Charlotte,

    ich bin der Entwickler von TeacherStudio und freue mich sehr, dass die App dir hilft. Das "Schnelle Benoten" "versteckt" sich in Android unter den vertikalen ... bei Klick auf die Note und dann "Serienbenotung".

    Wir arbeiten aktuell an einem größer angelegten Update, um die App auf Android noch intuitiver zu machen und um viele gewünschte Funktionen zu erweitern.

    Viele Grüße
    Danny