Sinnvolle Hausaufgaben in den Fremdsprachen für Zuhause in Zeiten von Schulschließungen

Wir leben schon wirklich in spannenden Zeiten gerade. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben leere Supermarktregale (nur begrenzt auf Nudeln, Reis, usw., und Klopapier). Heute traf ich eine Frau beim Einkaufen mit 6 Dreierpacks Küchentüchern. Als ich sie drauf ansprach wurde sie ganz schön schnell pampig... Egal. Was mir Sorgen macht, ist neben den größeren wirtschaftlichen und individuellen Folgen auch, was wir den Schülern gerade für Zuhause aufdrücken. Viele dieser Hausaufgabensind nur "busy work", bringt also die Schüler in der Sprache nicht weiter.

Photo by Annie Spratt on Unsplash
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Zunächst der Disclaimer...

Mir ist klar, dass einige meiner Schüler momentan in sozialen Situationen eingesperrt sind, die ein Lernen und Hausaufgaben erledigen unmöglich machen. Denen soll kein weiterer Nachteil aufgebürdet werden. Dennoch müssen wir uns auch um die kümmern, die Aufgaben machen können, sollten oder wollen. Die Aufgaben ziehe ich also schweren Herzens nur zur Verbesserung der Note heran.

Was fällt in den Fremdsprachen weg?

Das ist natürlich sehr individuell, aber so grob gesagt fallen bei mir jedenfalls pro Klasse 180 Minuten weg, die zu über 90% der Zeit mit englischem Sprachinput gefüllt sind. Das liegt auch daran, dass ich mit Comprehensible Input Methoden arbeite, die ja von sich aus auf effektive Zeitnutzung ausgelegt sind. Aber auch wenn man traditioneller arbeitet, sollte ja neben den Arbeitsphasen - und teilweise auch darin - sehr viel Fremdsprache stattfinden.

Diese Hausaufgaben bitte nicht (nach)machen!

Wie praktisch die Abschnitte im Buch sind, auf denen seitenweise Aufgaben zu finden sind. Da hat man die Lösungen gleich dazu und die Schüler "sitzen nicht rum". Leider findet Lernen bei Lückentext, Sortier- und Finde den Fehler Aufgaben nur bei sehr guten Schüler/innen statt. Warum erkläre ich hier:

  • Was das Gehirn beim LESEN der Aufgabenstellung wahrnimmt, ist keine korrekte Sprache, da Satzteile weggelassen werden, die Reihenfolge falsch ist oder Endungen inkorrekt sind. Das Gehirn wird dadurch verwirrt und braucht danach mehr korrekten Input um sagen zu können wie die richtige grammatikalische Form aussieht/klingt.
  • Die Aufgaben kommen meist zu früh. Die geforderten Fähigkeiten sind oft prozedural, das heißt wie beim Fahrradfahren nicht kurz erklärbar sondern müssen lange sensorisch aufgenommen und verarbeitet werden. Auch nach einer sechs Wochen Einheit ist es unmöglich, dass Schüler die Formen richtig anwenden, da (O-Ton) Schülerin: "Es einfach falsch klingt". Gemeint war übrigens nach sechs Wochen present perfect "She had had a problem." War auch egal dass im Deutschen auch zweimal "haben" im Satz vorkommt. Von meiner Zweijährigen erwarte ich auch keinen linearen und schon gar nicht kurzfristigen Lernzuwachs.
  • Schüler/innen, die die geforderten Fähigkeiten also eigentlich wie erwartet noch nicht besitzen, machen bei diesen Aufgaben viele Fehler. Dadurch bekommt das Gehirn noch ein paar Extra Wiederholungen der falschen Form.
  • Die Aufgaben sind eigentlich verkappte Tests und haben als solche auch eine Daseinsberechtigung. Aber eben nicht als Übungsaufgabe.
  • Die Aufgaben machen keinen Spaß und vermitteln oft ein Gefühl von Unfähigkeit. Ja, nicht so klasse.

Aber was wären dann gute Hausaufgaben?

Was die Schüler brauchen ist

  • verständlicher
  • korrekter
  • unterhaltsamer sprachlicher Input.

Ja, ich weiß, nichts leichter als das... Haha. Und dann sind auch noch alle auf einem anderen Level.

Dazu kommen technische Probleme:

  • Schüler haben für die Hausaufgaben meist keine Drucker
  • fast immer werden die Aufgaben bei meinen Schülern an kleinen Handybildschirmen erledigt. Oft belegen Eltern den Rechner für Homeoffice oder eigene Beschäftigung.
  • Nicht alle Schüler hatten die Bücher mit nach Hause genommen.
  • Es war keine Zeit mehr, Geld einzusammeln und Lektüren zu bestellen.

Was also tun?

 

Aus dem Englischbuch habe ich vor allem Texte genommen und entweder die Buchaufgaben dazu (keine Grammatik, sondern Leseverständnis) oder selbst welche erstellt. Auf unserer Plattform (itslearning) hatte das den Vorteil, dass ich die Erledigung der Aufgaben persönlich einsehen konnte. Die Buchseiten habe ich eingescannt. Das dürfen wir bis zu 15% eines Werkes und nur in einem passwortgeschützten Bereich.

 

Wer ein Workbook oder Arbeitsheft hat, sollte vor allem die Lese- und Höraufgaben zuhause machen lassen. Ich habe das Workbook wegen überbordender TESTaufgaben mit wenig effektivem Lernnutzen aber abgeschafft.

 

Youtube is your friend, mate... Finde tolle Videos zu deinen Themen, erstelle einige Hausaufgaben dazu und fertig ist die Laube. Naja, hat trotzdem gedauert. Ich habe keine Anfänger, sondern 8. bis E-Phase, da ist es leichter Videos zu finden, die den drei obigen Kriterien genügen.

 

Für das Leseverständnis habe ich das gleiche mit einfachen Geschichten gemacht, die ich online gefunden habe. Testfragen dazu und fertig.

Diese Seite hat einfache englische Geschichten mit Fragen die man teilweise gleich übernehmen kann.

Welche Aufgaben für die Sprachanfänger?

Und für die Sprachanfänger?

 

Oberstes Gebot: GERATE NICHT IN VERSUCHUNG, DIE SCHÜLER SICH GRAMMATIK MIT DEM BUCH SELBST BEIBRINGEN ZU LASSEN.

 

Warum nicht?

  1. Die meisten Schüler haben enorme Schwierigkeiten mit der zusätzlichen Grammatik-Fremdsprache, d.h. den grammatikalischen Fachbegriffen.
  2. Es bringt unglaublich wenig. Es verwirrt viele Schüler, erzeugt KEIN gutes Sprachgefühl und ist für die Produktion von Sprache fast nicht zu gebrauchen, da niemand Zeit hat im Kopf zu deklinieren, Fälle mit Satzteilen in Übereinkunft zu bringen und dann auch noch dran zu denken, was man eigentlich sagen wollte.
  3. Man hat hinterher oft mehr Fehler als vorher. Daher kommt zum Beispiel das "she wills go" und "he wented". Haben sie nie gehört, kommt rein aus Regelüberanwendung.
  4. Es macht keinen Spaß und die Fremdsprache wird zum Hassfach. Wollen wir nicht.

Ähnliches gilt für Vokabeln aus dem Buch lernen. Ist nicht ganz so schlimm, aber das führt hier zu weit. Habe ich hier genau erzählt: Deine Schüler lernen keine Vokabeln? Müssen sie auch nicht.

 

Was würde ich dann also theoretisch mit den Kleinen machen?

 

Die 5.-7.Klässler dürfen bei uns noch nicht gezwungen werden die Lernplattform zu nutzen. Leider (aber verständlich). Wenn es bei euch geht, ist es sehr schick, sich selbst aufzunehmen, während man eine graphisch stark entlastete Geschichte erzählt. Das lieben die Schüler. Unten ein Beispiel von vielen (suche mal TPRS story listening, auch bestimmt in deiner Sprache.):

Listen and draws kann man auch gut selbst erstellen für die Kleinen. Dazu nimmt man seine eigene Stimme auf, und gibt dabei Zeichenanweisungen. Vielleicht erst ein Blatt, dass die Vokabeln wie Formen, Präpositionen oder body parts erklärt und dann soll ein Haus mit Garten vor einem Berg gezeichnet werden oder bunte Monster mit lustigen Gliedmaßen. Hier habe ich einige dieser Ideen gefunden, die ich auch so schon im Unterricht eingesetzt habe. Hier ein ganz schickes Beispiel, mit vorbereitetem Worksheet.

 

Das gleiche gilt für read and draw. Hier ein Beispiel. Hier ein noch schönes Beispiel. Das geht auch als Arbeitsblatt, das man den Schülern zukommen lassen kann.

 

Duolingo lasse ich immer freiwillig für Bonuspunkte machen. Sie sollen mir nur einen Screenshot von ihrem Level vorher und nachher machen. Es waren bisher immer drei bis fünf Schüler pro Klasse, die sich bei Duolingo richtig reingehängt haben.

 

Wenn ihr noch gute Ideen habt, schreibt mir.

Und die ganz Fortgeschrittenen?

Langsam geht mir bei diesem Artikel der Saft aus. Aber die "Großen" sollten bei mir ein Wahlkampfvideo analysieren mit Vokabular und Methodikhilfe aus dem Netz. Dann Effektivität und Methodik vergleichen mit lustiger Werbung. Alles als Text im Heft zur späteren Besprechung. Es wird doch dazu kommen?! Bibber...

Was ist mit technischen Schwierigkeiten der Schüler?

Nach einer Woche hatten in meiner Klasse vier Schüler die Online-Aufgaben nicht gemacht (bei Hausaufgaben in der Klasse sind es sonst 2/3...). Die habe ich angerufen um abzuklären ob sie wirklich Internetzugang haben. Hatten sie, nur technische Schwierigkeiten, die sich lösen ließen.

 

Hätte ein Schüler keinen Zugang, auch nicht vom Handy der Eltern, hätte ich mir Gedanken über Aufgaben gemacht, die diese Person nicht ausschließen.

 

Wegen der kleinen Bildschirme sollten die Schüler die Aufgaben entweder im Heft zur späteren Kontrolle oder auf der Lernplattform in Form von kurzen Testfragen beantworten. Und nein, sie scheinen nicht die Seiten abfotografiert und in die Klassengruppe gestellt zu haben... Darauf sollte man aber vorbereitet sein.

 

Lange Texte online abliefern finde ich nicht in Ordnung wenn man am Handy arbeitet, es sei denn sie dürfen per Hand schreiben und abfotografieren. Darauf hatte ich aber keine Lust.

 

Was total genervt hat, war dass uns Sofatutor ans Herz gelegt wurde, da wir als Schule einen kostenlosen Zugang haben, viele Schüler aber trotzdem die Videos nicht sehen konnten ohne gefragt zu werden, ob sie einen nur 30 Tage kostenlosen Account erstellen wollten. Ich hatte zwei Stunden investiert die wenigen wirklich guten Videos zu finden und dazu Testfragen zu erstellen. Das Problem konnte ich bis jetzt noch nicht lösen. Habe den Support aber kontaktiert. Mal sehen.

Bonus: Komme mit den Schülern in Kontakt

Ganz klasse fand ich das Ergebnis meiner spontanen Idee, eine Aufgabe zu machen die einfach hieß, "schicke mir auf Englisch über die Messengerfunktion der Plattform einen sehr kurzen Text dazu entweder wie es dir mit der Ausgangssperre geht oder was für Tipps du hast, wie man sich zuhause beschäftigen kann".

 

Ich war so dankbar, dass ich einen Überblick hatte, wie es allen geht. Ich konnte beruhigen und inhaltlich korrigieren, wo nötig und fühlte mich besser in der Lage für meine Schüler da zu sein. So einen guten Kontakt zu einer ganzen Klasse hatte ich sonst nicht.

 

Und die Tipps habe ich auch sehr genossen. Eine Schülerin schlug vor mal was Aufwendigeres zu kochen. Das animierte mich mein Gnocchi-Trauma zu überwinden. Mit Unkraut-Pesto. Sehr lecker war das!

Und zuletzt: Hol dir Feedback!

Unsere Lernplattform (itslearning) hat eine Umfrage-Funktion. Die ist wenn gewünscht anonym. Da habe ich einfach zwei Fragen erstellt. Eine dazu, wie lehrreich, umfangreich und unterhaltsam sie die Aufgaben fanden und eine dazu was sie sich für die nächsten Wochen wünschen würden.

Und was wollen die Schüler?

Was war das Ergebnis meiner Umfrage? Am liebsten beantworten die Schüler Umfragen. Dann LESEN und Fragen beantworten, erst danach Videos mit Fragen und zuletzt, wenig überraschend, das Buch... Das war bei all meinen drei Englischklassen übrigens identisch!

 

So, das war's jetzt aber. Ich hoffe es hat dir genützt. Bleib gesund und munter und natürlich momentan - ZUHAUSE!

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Kommentare: 6
  • #1

    Alexandra Hübner (Montag, 20 April 2020 11:21)

    Vielen, vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel.

  • #2

    Anne Heemann-Singe (Montag, 20 April 2020 11:59)

    Liebe Charlotte,

    danke für diese umfassende Analyse!

  • #3

    Antje (Montag, 20 April 2020 12:35)

    Vielen Dank, Charlotte!
    Deine Nachricht hat mich sehr ermuntert, jetzt (mehr oder weniger vergnügt) digital weiter zu machen. Viele deiner Gedanken zum Unterricht in dieser Zeit kamen mir bekannt vor. Und es gab viele gute, neue Gedankenanstöße, realistisch und leicht umzusetzen!

  • #4

    Wahlkampf (Montag, 20 April 2020 14:20)

    Hallo, ich habe auch Große und würde gerne wissen was du genau mit ihnen zum Thema Wahlkampf gemacht hast. Würdest du das genauer erklären? Da wäre ich sehr dankbar! Viele liebe Grüße! Doro

  • #5

    Christine (Montag, 20 April 2020 17:47)

    Vielen Dank, Charlotte,
    das kam jetzt genau richtig.

  • #6

    Charlotte Dincher (Montag, 20 April 2020 20:23)

    Oh, vielen lieben Dank! Bin immer nervös, dass ich einen Fehler gemacht habe oder etwas übersehen habe. Da tut es gut zu hören, dass der Artikel bei euch ankam. Doro, schick mir mal eine Nachricht, dann kann ich dir antworten.
    Liebe Grüße,

    Charlotte