Deine Schüler lernen keine Vokabeln? Müssen sie auch nicht!

Mann, habe ich mich früher immer geärgert, dass die wenigsten meiner Schüler Vokabeln lernten. Und dabei habe ich die blöde Büffelei als Schülerin selbst gehasst. Das war auch ein Grund, weshalb Latein trotz meines Sprach- und Grammatiktalents bei einer knappen Vier herumgurkte, während ich in Englisch Bestnoten hatte. Aber selbst in Englisch hörte ich nach der 9. Klasse auf Vokabeln zu pauken... und machte danach mehr Fortschritte als je zuvor. Wie das zusammen passt und meine Schüler trotzdem einen guten Wortschatz entwickelt haben? Lies weiter...

 

Außerdem möchte ich noch schnell darauf hinweisen, dass ihr mich bei dieser Konferenz treffen könnt (zum ersten Mal lässt Mama ihr - nicht mehr - Baby über Nacht allein). Das ist ein super tolles Treffen europäischer Fremdsprachenlehrer mit alternativen Tendenzen. Mehr dazu am Ende.

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Argumente gegen Vokabeltests

Ich habe mir das GUT überlegt... Hier also meine Gründe, die allseits beliebten Vokabeltests weitgehend auszusetzen:

 

Die Resultate

Erstens lernen die wenigsten und die Tests fallen meist enorm schlecht aus, oder hast du andere Schüler als ich? Ich habe sogar versucht, identische Tests mehrfach schreiben zu lassen. Brachte auch nichts...

 

Die gelernten Vokabeln gehen zudem oft nicht in den aktiven Wortschatz über. Diese Studie hatte ich schon einmal erwähnt. Sie zeigt, dass Worte aus Geschichten besser im Gedächtnis bleiben als gelernte Vokabeln. Meist sind sie auch nicht im Satzzusammenhang gelernt und damit für das Gehirn teilweise wertlos da der Kontext und die Anwendung fehlt. Ausnahmen sind sehr simple Substantive wie aus dem Bereich Essen oder Tiere.

 

Affektiver Filter

Vokabeltests sind für alle Beteiligten nervig und stressig. Mal im Ernst. Wer korrigiert schon gern... (Ausnahme siehe unten)

Selbst die Schüler, die gut abschneiden, sind oft ängstlich und unter Druck. Das hat man in Klassenarbeiten schon genug und braucht den Druck nicht noch weiter zu erhöhen. Ich versuche Englisch bei den Schülern eher in die Freizeitsparte zu integrieren, da ist Zwang kontraproduktiv (bitte nicht mit laissez-faire verwechseln).

 

Soziale Gerechtigkeit

Wer lernt für Vokabeltests? Die Schüler die ohnehin schon gut in Englisch sind und privat gute Voraussetzungen zum Lernen haben oder gute Unterstützung.

Setze ich die Vokabeln dann voraus, vergrößere ich die soziale Schere in meinen Klassen. Da habe ich keine Lust drauf.

 

Die Fehlerschmiede...

Beim Lernen für Vokabeltests habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Schüler endlos Fehler produzieren. Entweder "raten" sie erstmal und verunsichern das Gehirn dadurch, oder erzeugen beim Abschreiben neue und originelle Fehler.

 

Manche armen Seelen (ich war mal eine davon) kontrollieren die Vokabelhefte der Schüler bevor sie anfangen zu lernen. Da ist die Vokabel aber schon einmal falsch im Gehirn gelandet.

Zudem war der Aufwand einfach nicht zu leisten. Man glaubt gar nicht, wie UNGLAUBLICH viele Fehler Schüler schon bei zehn Vokabeln produzieren können... Das wird durch unsere zunehmend lesefaulen Schüler sicher auch nicht besser...

 

Und was dann?

Ganz einfach. Fremdsprache HÖREN, LESEN, LESEN,  LESEN und NOCH MEHR LESEN. Ja, das ist auch nicht einfach, aber es geht.

Soll das heißen, Lesen ist effektiver als Vokabeln pauken?

Ja, darauf deuten sehr viele Studien hin. Eine habe ich schon einmal in einem vergangenen Artikel zusammen gefasst. Die konkreten Belege warum Lesen mehr bringt als Vokabeln lernen muss ich in einem zukünftigen Artikel für dich zusammenfassen, da ich jetzt schon zwei Stunden an diesem Artikel sitze und gleich mal Essen machen muss... Das tue ich ja gerne, aber warum muss man es jeden Tag gleich mehrmals - und seit ich Mama bin auch noch ständig gesund?!

 

Nur noch kurz, neuerdings habe ich auch den freiwilligen Vokabeltest für mich entdeckt. Der macht mehr Spaß zu korrigieren, da die Schüler viel besser abschneiden und man nur drei bis fünf Exemplare pro Klasse auf dem Tisch hat. Das Schreiben des Tests machen wir nebenbei, wenn die anderen Schüler mucksmäuschenstill lesen, also in der Bibliotheksstunde. Klappt bisher sehr gut.

Lust, an diesen Themen und anderen mit anderen tollen internationalen Kollegen zu arbeiten?

Ich bin schon zum zweiten Mal als Presenterin auf dieser Konferenz in den Osterferien in Ermelo und freue mich riesig. Eine so inspirierende und lehrreiche Atmosphäre gibt es auf deutschen Fortbildungen selten. Ich werde mir auch zwei Workshops ansehen und meine neu gewonnene Freiheit genießen, denn Daddy ist zum ersten Mal mit Kind allein über Nacht zuhause...

Würde mich super freuen, dich dort zu sehen.  Als CI/TPRS Anfänger UNBEDINGT die Demonstration CI (Comprehensible Input) class buchen und Bretonisch lernen. Der Lehrer ist der Hammer und arbeitet unglaublich gut.

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Kommentare: 3
  • #1

    Margit (Dienstag, 28 Januar 2020 12:47)

    Hallo Charlotte,
    Super, mal wieder was von dir zu hören! Ich werde dieses Jahr nach Agen fahren und freue mich schon sehr!
    Mein größtes Problem bei der Umsetzung von CI ist wohl, dass ich aus der Lehrbuch-Schiene nicht so einfach rauskomme und der Spagat so schwierig ist. Irgendwelche Tipps?
    Und gibt es hier vielleicht noch jemanden in Bayern, mit dem ich mich austauschen könnte?
    Vokabeltests schreibe ich übrigens (noch), vor allem weil die Eltern das unbedingt haben wollen...

    Viele Grüße,
    Margit (die mal ein Bilderbuchpaket von dir gewonnen hat, nochmal Danke!)

  • #2

    Brigitte (Dienstag, 28 Januar 2020 13:06)

    Toller Artikel! Wir verzichten auch schon lange auf Vokabeltest (ich unterrichte DAF in NY), allerdings würde mich interessieren, wie ein "freiwilliger Vokabeltest" funktioniert. Danke schon mal im Voraus :)

  • #3

    Uwe (Dienstag, 28 Januar 2020)

    Hallo Charlotte,
    es freut mich total wieder von dir zu lesen. Ich war letztes Jahr auf deinen Hinweis hin auf der Konferenz in Agen und unterrichte seitdem fast ausschließlich mit CI. Was meine größte Erkenntnis im laufenden Schuljahr ist: Jugendliche lesen doch gern! Jugendliche die viel lesen, schreiben bessere Texte. Die "silent phase" muss man als LehrerIn aushalten. Schüler die zuhören können, können viel verstehen. Schüler die verstehen, fangen selbst an zu sprechen. Wiederholen von Wenigem in neuen, interessanten Kontexten ist Gold wert. Und das alles selbst im ehemaligen "Oh-Gott-die-Sprache-ist-so-schwierig-Fach" Französisch!
    Danke für deine Beiträge und deinen Hinweis zu Agen. Der Besuch dort hat meinen Unterricht nachhaltig verbessert. Also: Bitte berichte weiter von deinen Erfahrungen!

    Ein glücklicher Lehrer (mit vielen glücklichen Schülern)