Moderne Sprachtheorien erklärt

Warum Klassenarbeiten immer so schlecht ausfallen - oder warum Schüler Sprache nicht sofort können können.

Fremdsprachen werden nicht über Nacht gelernt, egal wie viel man übt. Das Gehirn braucht eine Zeit, bis es neuen sprachlichen Input verarbeitet hat und ihn in Output verwandeln kann. Diese Zeit wird "Silent Period" genannt (vergl. hier und hier [engl.]).

Mütter sprechen oft monatelang mit ihren Kindern, bevor die Kinder die entsprechende Formulierung selbst verwenden. Bei TPRS kann man das sehr schön beobachten. Eine Kollegin im Blog von Ben Slavic erzählte, dass sie am Schuljahresanfang wochenlang immer wieder Personalpronomen einsetzte, dass es aber bis in den März dauerte, bis die Schüler sie schließlich selbstständig und richtig einsetzten.Susan Gross beschreibt das gerne als "and then they open their mouths and French falls out" ("und dann machen sie den Mund auf und Französisch fällt raus").

Das widerspricht natürlich unserer "sechs Wochen Unterricht und dann die Klassenarbeit"-Struktur. Leistungsbeurteilung ist auch bei TPRS dennoch problemlos möglich.

Warum wir Lehrer Zeit völlig falsch investieren - oder warum man hinterher immer schlauer ist.

Wenn man sich im Lehrerzimmer unter Englischlehrern umhört, könnte man meinen wir unterrichten ausschließlich Schüler mit geistigen Behinderungen. "Ich habe die Grammatik SECHS Wochen lang mit den Schülern geübt, und ich musste mir die Klassenarbeit trotzdem genehmigen lassen." Dass da niemand auf die Idee kommt, dass an der Methode der Instruktion etwas faul sein muss, ist eigentlich merkwürdig, zieht sich aber bis an die Universitäten. Eine Studie untersuchte, wie Austauschstudenten in Amerika in der Sprache besser wurden, wenn sie wochenlang Grammatikunterricht erhielten. Das Ergebnis war peinlich. Es ging ausschließlich um eine grammatikalische Struktur und die Verbesserung im Test lag bei 6%. In der Geschwindigkeit können wir also Universitätsstudenten keine Sprache in zehn Jahren beibringen.

Woran liegt das? Regellernen ist leider etwas, das das Gehirn nur auf bereits produzierte Sprache anwenden kann. Also um zu sagen, warum etwas falsch ist, dass man gesagt hat. Grammatikregeln sind aber nicht in der Lage, richtige Sprachproduktion zu erzeugen. Ein Beispiel? Hindi: "main" ist die 1.Pers.Sing. Das Possesivpronomen ist "mehra". "Naam" heißt Name und ist maskulinum. "Sein" wird auf Hindi so dekliniert: "main huu, tum ho, vah hae, ...". Das Verb steht am Satzende. Bilde bitte den Satz: "Mein Name ist ..." in Hindi. Wie, noch am Überlegen? Wer jetzt "Main naam ... huu" gedacht hat, liegt natürlich falsch, denn man braucht ja das Possesivpronomen. Und das ist 3.Pers.Sing. Also...

Mit TPRS geht das so:

Man schreibt an: "Mehra naam Charlotte hae." und sagt dass es heißt "Mein Name ist Charlotte." Man erklärt die Bedeutung der Worte: Mehra=mein, naam=Name, hae=ist. Dann fragt man immer wieder mit Hilfe von "Rundfragen": Ist mein Name Charlotte oder Bugs Bunny? Ist mein Name Charlotte oder dein Name? Und bald sagen die Schüler von alleine "Mehra naam YXZ hae." Und sie fragen einen auch noch was "Mein Hund heißt ..." auf Hindi ist, weil das wollten sie auch noch sagen...

Also, hinterher ist man immer schlauer, denn man kann sich an die Regel erinnern (rückwirkend). Flüssige Sprache entsteht aber nur dadurch, dass das Gehirn sich "hineingehört" hat, was richtig klingt und dafür braucht es Wiederholungen, keine Erklärungen.

Warum wir so wenig mündliche Beteiligung haben - oder warum Schüler viel besser lernen, wenn die Stimmung stimmt

Klar lernen Schüler auch aus Zwang oder Angst vor Bestrafung, aber heute zweifelt doch niemand an, dass man am Besten lernt, wenn man motiviert ist und Spaß hat. Stephen Krashen postulierte den sogenannten "Affektive Filter" (=Gefühlsfilter für die Nichtlateiner), der bedeutet, dass negative Emotionen, wie Angst, Unsicherheit oder Langeweile dazu führen, dass wir weniger Informationen aufnehmen und verarbeiten können.

Das leuchtet vor allem ein, wenn man daran denkt, wie schnell man Vokabeln lernt, die man wichtig oder besonders schön findet. "Procrastinate"=aufschieben war z.B. eines meiner Lieblingswörter, Oder "flabberghasted"=total verdattert; nicht unbedingt einfache Vokabeln...

Wenn wir die Schüler zwingen, sich in der Fremdsprache zu äußern, bevor sie dazu bereit sind, verbinden sie Unsicherheit oder sogar Angst mit dem Sprechen. Wartet man hingegen, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass die Schüler ganz heiß darauf sind, ihre Sprachkenntnisse anzubringen. Dialog mit einer meiner Fünftklässlerinnen im November: Sie: "Mrs. Dincher, I hate my boots!" Ich: "Really? I love your boots! They are nice and black." Sie: "No, I want brown boots." Auch schwächere Schüler radebrechen angestrengt, aber freiwillig, um möglichst viel bereits auf Englisch sagen zu können.

Im traditionellen Englischunterricht verlangen wir, dass die Schüler gleichzeitig

 

a) unseren komplexen sprachlichen Input der Frage verstehen

b) inhaltlich richtig antworten

c) dabei die Regeln im Kopf haben und sprachlich richtig antworten.

 

Das ist für einen Muttersprachler problemlos möglich, aber auf keinen Fall für einen Sprachneuling, insbesondere, wenn er die neue Struktur gerade einmal fünf Mal in der Grammatikerklärung gehört hat.

Warum wir Vorteile gegenüber einem Auslandsaufenthalt haben - oder warum Schüler nichts lernen, wenn sie nichts verstehen

Die Hypothese "Verständlicher Input" von Stephen Krashen besagt, dass Menschen nur dann etwas lernen, wenn der sprachliche Input ihr Level nicht zu sehr übersteigt. Zu wenig, und man lernt nichts Neues. Zu viel und man wird von einer Wand aus Fremdsprache erschlagen, die man nicht entschlüsseln kann. Dazu neigen wir bei Schülern, die wir "abgehängt" haben.

Bei TPRS "baden" wir die Schüler in genau diesem Input, indem wir das Vokabular einfach halten und dutzende Wiederholungen einbauen, die durch einen Trick den Schülern nicht langweilig werden. Wir halten die Grammatik komplex, aber die Botschaften und Worte einfach. Genau wie die Mutter, die mit ihrem Baby spricht: "Wenn du den Wauwau haust, dann wird er aua machen." Ungefähr so, nur ohne Babysprache.

Durch die Wiederholungen und das Verständlichhalten haben wir große Vorteile gegenüber einem Auslandsaufenthalt, der schnell durch die Masse an Unverständlichem überfordert. So nutzen wir unsere begrenzte Zeit im Gegensatz zum Erstspracherwerb besser.

Diese Sprachlerntheorien stammen übrigens bereits aus den Achtzigern und werden bis heute in der Wissenschaft kaum angezweifelt. Vergl. Wikipedia.