Fremdsprachenunterricht Umdenken

Weil ich derart unzufrieden mit meinem schulbuchbasierten Englischunterricht war, habe ich meinen Unterricht auf Basis der Sprachlernforschung komplett umgekrempelt. Das kannst du dir gern ansehen, wie schon viele Kollegen, die mich besucht haben. Alternativ bietet mein Blog dir viele kleine Ideen, mit denen du deinen Unterricht verbessern kannst, ohne gleich alles umwerfen zu müssen.

 

Falls du wissen möchtest, wie ich arbeite, folgt hier eine kleine Einführung in meinen etwas anderen Englischunterricht.

 

Eine zentrale Rolle in meinem Englischunterricht spielen diese Gütekriterien. Sie sind vereinfacht abgeleitet von den Sprachlerntheorien Stephen Krashens, einem der unangefochtenen Urväter der Sprachlernforschung.

Wie kann man das erreichen?

Alle Methoden, mit denen ich arbeite, müssen den Kriterien zu gutem Sprachunterricht nach Stephen Krashen genügen. Diese Methoden werden oft unter dem Oberbegriff "Comprehensible Input" zusammengefasst. Also muss der sprachliche Input zu jeder Zeit korrekt und fast 100% verständlich sein.

 

Das hat weitreichende Konsequenzen:

  • Kein Vorlesen von Sprachanfängern, damit sie keine Fehler abhören
  • Kein frühes Sprechen, aus dem gleichen Grund
  • Keine Lückentexte und andere Aufgaben, bei denen man die Sprache schon beherrschen können muss, um keine Fehler zu machen. Üben statt Testen!
  • Keine ausgiebige explizite Grammatik

Das ist gleichzeitig einfacher und deutlich schwerer als du vielleicht zunächst denkst.

 

Ziehe keine voreiligen Schlüsse, z.B. daraus, dass ich die Schüler nicht zu früh Sprache frei produzieren lasse. Mein Unterricht sieht sehr anders aus, ist aber in ein schlüssiges Gesamtkonzept eingebunden und macht die Schüler sehr schnell zu flüssigen Fremdsprachennutzern. Und das sogar ohne Vokabelpauken.

 

Je nach Jahrgangsstufe arbeite ich mit ganz unterschiedlichen Methoden, wie der Klassenbibliothek, dem Kindergartentag, Wall Zoo, Spielen und vielen, vielen mehr. Ja, auch manchmal mit dem Schulbuch, wenn es Sinn macht. Zwei Methoden möchte ich aber gezielt herausgreifen, da sie die Grundpfeiler meiner Arbeit darstellen.

Ein grundlegender Pfeiler: TPR

Um schon in der 5.Klasse zu 95% englisch im Unterricht sprechen zu können, muss man Verständnis garantieren. Das geht nicht mit "einfach drauflos sabbeln". Total Physical Response ist eine seit Jahrzehnten erfolgreiche Methode, Grundvokabular schnell, verständlich und verlässlich zu vermitteln.

Damit arbeite ich in den ersten Jahren extensiv.

 

 Damit kann man alle Aktionsverben, die Gegenstände im Klassenraum, Kleidung, Körperteile, usw. schon super abdecken. Dieses Video (besonders die zweite Hälfte) zeigt dir ein Beispiel.

 

Zweiter grundlegender Pfeiler: TPRS®

TPRS steht für "Teaching Proficiency through Reading and Storytelling" und ist als Weiterführung von TPR entstanden.

 

Mit TPRS erreichen die Schüler leichter und schneller ein Sprachniveau, das ihnen das selbstständige Lesen, Schreiben, Sprechen und Verstehen ermöglicht.

 

Bei TPRS wird das Sprechen "über" die Sprache fast ausnahmslos ersetzt durch Sprechen in der Sprache. Grammatik wird weitgehend dadurch gelernt, dass neue Phrasen bis zu hundert Mal in einer Doppelstunde verwendet werden. Dies wird dadurch erreicht, dass mit und über die Schüler gesprochen wird und sehr viele Fragen gestellt werden (hier meine Erklärung dazu, wie die grundlegende Fragetechnik funktioniert).

 

Dadurch ergibt sich eine positive Lernatmosphäre mit für die Schüler bedeutungsvoller Kommunikation. Außerdem gibt es situationsgebundene "Pop-up Grammatik", die die sprachlichen Zusammenhänge mit Hilfe der Bedeutung erklärt.

 

Ein weiterer Pfeiler is das extensive Lesen (bis zu 50% der Unterrichtszeit), das auch den Schriftspracherwerb absichert.

 

Wer jetzt genaueres wissen möchte, dem lege ich meinen Blog ans Herz, in dem du aktuelle Artikel über Theorie und Praxis von TPRS im Unterricht findest.

 

Was sagen die Schüler zu TPRS?

Ben Slavic, einer der Vorreiter der Methode, hat seine Schüler von einer Kollegin interviewen lassen. Wer sich mit Englisch nicht wohl fühlt, findet unten ein paar ausgewählte Aussagen.

Schülerin: "Du willst einfach."

Schüler: "Es ist nicht so sehr Wollen, als vielmehr Können. Die Wörter sind einfach da, um sie zu benutzen."

 

Interviewerin: "Da ist diese Einstellung, dass man nichts lernen kann, wenn man so viel Spaß hat. Was würdet ihr darauf antworten?"

Schüler: "Weil es Spaß macht, passt man viel besser auf. Das hilft dir dich zu konzentrieren. Weil es Spaß macht, bleibt es auch im Gedächtnis."

 

Schüler über die Geschichten: "Es gibt dir einen Ort, wo du irgendwie kreativ sein kannst."

Anderer Schüler: "Es ist wie eine Unterhaltung. Es würde auf Englisch Spaß machen, daher macht es auch auf Französisch Spaß"

 

Schüler: "Naja, Sprache, du redest halt nicht mit einem Buch oder der Tafel, sondern mit einer Person."

 

Interviewerin: "Ist es in dieser Klasse leicht, einzuschlafen?" Mehrere Schüler gleichzeitig: "Nein."

 

Schülerin: "Ich rede mit mir selbst auf Französisch."

 

Schülerin: "Ich denke auf Französisch, ich übersetze nicht, weil ich es soo oft gehört habe."

Was sagen die Eltern?

Am Tag der offenen Tür habe ich den Eltern zehnminütige Vorstellungen zu TPRS® gegeben. Das Resultat: strahlende, fröhliche Gesichter und tolle Rückmeldungen.

Eine Mutter sagte:

 

"Man will ja erst gar nicht mitmachen und dann erwischt man sich dabei, wie man plötzlich einfach mitspricht."

 

Ein Vater:

"Man kann sich definitiv besser daran erinnern und es hat Spaß gemacht."

 

Eine Kollegin, deren Tochter am Tag der offenen Tür teilnahm, berichtete, dass ihre Tochter eine Woche nach der Demonstration immer noch begeistert wiederhole: "Is this my hand, or is this my iPhone?"

 

Beim Elternabend meiner fünften Klasse, die ausschließlich mit TPRS arbeitet, meldeten sehr viele Eltern zurück, dass ihr Kind Englisch liebe und das Gefühl habe, viel zu lernen und bereits zu können. Die personalisierten Geschichten seien außerdem eine besondere Motivation für die Kinder.

Und was die Kollegen?

Hier nur eine der vielen positiven Rückmeldungen (von einer lieben Kollegin von der GSO, nachdem sie meine Fortbildung besucht hat):

 

Dein TPRS ist eine unglaublich wirkungsvolle Bereicherung!

Interessant ist, dass ich kurz vor deinem ersten workshop einen "typischen Grammatiktest" schreiben ließ (vier Wochen Übe -Vorlauf, gängige Uebungsmaterialien, bzw die Grammatik (neben anderen Dingen natürlich) wurde zu isoliert betrachtet. Die Ergebnisse sind erwartungsbedingt ausgefallen.

 

Nachdem ich nach deinem workshop und einer dreitägigen "Dauercircling" Session zum Thema Unterschied Present Tense/Progressive" den Test unangekündigt noch einmal schreiben ließ, sprangen einige Schüler um 4 Zensuren nach oben!

 

Du hast Recht, die Schüler werden es nicht Müde, über sich zu sprechen, da kann man getrost anonyme Buchtexte weglassen, "Privatgespräche" in der richtigen Zeitform haben eine so unglaubliche emotionale Wirkung, dass die Schüler manchmal vergessen, dass sie sich im Englisch Unterricht befinden und mich nach dem Gong fragen: "Und was machen wir heute in Englisch ;-)"

Ich danke dir und freue mich auf die nächste Fortbildung!"

Für wen ist TPRS nicht geeignet?

TPRS erfordert eine Umgewöhnungsphase, bevor es die Arbeit genauso leicht macht wie traditioneller Sprachunterricht. Wer also ohnehin bereits völlig überlastet ist und keine Energie sich auf etwas Neues einzulassen, der bekommt keine sofortige Entlastung mit TPRS. Derjenige sollte lieber mit TPR und anderen kleineren Methoden beginnen. Aber richtig genial wird es erst mit TPRS ;-)

 

Wer die Einstellung hat "ich bin hier um den Stoff zu unterrichten, die Probleme der Schüler sind mir egal", wird vermutlich Schwierigkeiten mit TPRS haben. Da die Methode sehr darauf basiert, dass die Lernenden einen niedrigen affektiven Filter besitzen (sich wohl fühlen), ist ein Kontakt mit der ganzen Schülerpersönlichkeit bei TPRS kaum zu vermeiden. Das bedeutet aber nicht, nach der Schule oder anstelle des Unterrichtes, private Probleme der Schüler zu bearbeiten. Es heißt nur, dass man als Lehrer einen intensiveren Kontakt mit den Schülern während des Unterrichtes hat, als wenn man ihnen Arbeitsblätter in die Hand drückt, die dann im Test abgefragt werden...